Rede zur Eröffnung der Ausstellung "6.1 Komm!" am 1.6.2011 in der Rathaus-Galerie Attendorn


Material
Bevor man Bilder malen kann, müssen zunächst einige Besorgungen für den Aufbau eines artistischen Materiallagers gemacht werden. Der Bedarf an Keilrahmen, Leinen, Pinsel und Farbe ist groß, der direkte Zugang zu vertrauenswürdigen Händlern unerlässlich. Helmut Kraus wendet sich hierzu an das KÜNSTLER MAGAZIN in der Kastanienallee - »Mal- und Zeichenbedarf im Prenzlauer Berg« - oder an BOESNER - »Professionelle Künstlermaterialen vom internationalen Marktführer zu ungewöhnlich günstigen Preisen«. Das Angebot an Waren ist entsprechend vielfältig, Helmut Kraus kann aus dem Vollen schöpfen.

Keilrahmen & Leinen
Zur Herstellung eines Kunstforums sind zwei Materialien erforderlich:
· Für die Umplankung: KEILRAHMEN
· Mehrfach verleimt, meist 65 mm breit und 2 cm oder 4,5 cm tief;
· In Einzelteilen erworben, eigenhändig zusammengesteckt und getackert.
· Für die Bespannung: LEINEN
· Produkt Worpswede;
· Rohgewebe, ca. 350 g/m² reines Leinen, roh, mittlere Dichte und Struktur;
· Beste Qualität aus Belgien;
· Ebenfalls eigenhändig bespannt und getackert.


Pinsel & Farbe
Und zur Bemalung dieses zusammengesteckten und zusammengetackerten Kunstforums:
· PINSEL - der verlängerte Arm des Malers, erhältlich in einem beeindruckenden Variantenreichtum von der Firma Tosh oder der Firma Artisti:
· für den gelassenen Profi: Borstenpinsel / Flachpinsel / professioneller Flachpinsel
· für den ausgelassenen Profi:    Multifunktionspinsel
· für den philosophisch geschulten Hegelianer: Universalpinsel
· und für den Meister seines Fachs: der Künstlerpinsel
· und schließlich FARBE - der Treibstoff des Malers
· von Schmincke, feinste Künstler-Ölfarbe - und zwar in Tuben:
»1881 fanden die beiden verschwägerten Farbenchemiker, Josef Horadam und Hermann Schmincke, auf der Suche nach traditionellen hochwertigen Rezepten für Künstler-Ölfarben an der Akademie von Florenz die traditionellen Harz-Ölfarben-Rezepturen des Professors Cesare Mussini. Im Gegensatz dazu standen die damals gebräuchlichen einfachen normalen Ölfarben. Harz-Ölfarben waren vor der Erfindung der Tube aus der Mode gekommen, weil sie sich ohne solche dichten Behältnisse nur schwer transportieren und aufbewahren ließen.«


Werkstatt
Nach dem erfolgreichen Aufbau eines artistischen Materiallagers heißt es: Ab in die Werkstatt! Der Bedarf an hellen Räumlichkeiten ist groß, der direkte Zugang zu vertrauenswürdigen Vermietern unerlässlich. Helmut Kraus hat seine Bilder an drei Orten gemalt.


Wrangelstraße
Die Anfänge seiner Malerei liegen in der Wrangelstraße in Berlin-Kreuzberg, die Mariannenplatz und Taborkirche verbindet, bekannt auch als STRASSE DER HOFFNUNGSLOSIGKEIT und benannt nach Friedrich Heinrich Ernst Graf von Wrangel (* 13.4.1784 Stettin, + 1.11.1877 Berlin), Dragoneroffizier im vierten Koalitionskrieg gegen Frankreich 1806-1807, zum Generalfeldmarschall befördert 1856.
Gewärmt von einer Ofenheizung, in einer mittelalterlichen Einheit von Wohnraum und Werkstatt, zwischen Falckenstein- und Cuvrystraße, in der Verschiedenheit von Kreuz und Halbmond, formte sich im Verschleiß der Materialien die Kraus‘sche Handschrift. Einen Eindruck verschaffen von dieser frühen Phase kann sich, wer am Freitag die Schalterhalle der Sparkasse ALK gleich nebenan besucht. Dort hängt »Laufhahn«, Zwei-Meter-mal-Zwei-Meter, Acryl auf Leinwand, drei Kinder, ein Vater, ein Jägerzaun, viel Grün und benannt nach einer feldwegartigen Abzweigung von der Antoniusstraße in Windhausen.


Brunnenstraße
Nach Kreuzberg kam Mitte. Die erste echte Werkstatt, in einem Gebäude in der Brunnenstraße, zwischen Rosenthaler Tor und Gesundbrunnen. Vormals: Sitz der »SenWFK Berlin«. Heute: »Senatskanzlei des Regierenden Bürgermeisters von Berlin für Kulturelle Angelegenheiten«.
Ein Atelier im Dachgeschoss der Ministerialbürokratie über den Dächern Berlins. In einer Gegend, in der Franz Biberkopf in den späten 1920er Jahren sein Unwesen trieb. Wo besser als dort, den Blick auf die Befindlichkeit des Landes gerichtet, malt sich zwischen Pinselstrich und Pinselstrich ein Bild mit dem Titel »Melancholia - nach Albrecht Dürer«? Das Bild hängt konsequenterweise drüben im Kundenzentrum der Sparkasse ALK im Alleecenter, wo man Geldkarten entladen und Kontoauszugsdrucker bedienen kann, was einer wilden Schwermut bisweilen ja leider durchaus Tür und Tor öffnen kann.


Lobeckstraße
Seit einiger Zeit hat Helmut Kraus sein Maler-Lager erneut in Kreuzberg aufgeschlagen, in der Lobeckstraße, eingerahmt von Oranien- und Prinzenstraße, in Sichtweite des Moritzplatzes. Benannt nach Ludwig-Heinrich Lobeck (* 25.3.1787 Demmin + 30.12.1855 Berlin, Kaufmann), dem »Gründer der ersten Lebensversicherungs-Anstalt in Berlin, der Berlinischen Versicherungsgesellschaft«.
Die Werkstatt befindet sich in den ehemaligen Räumen der Aqua-Butzke-Werke A.G., einem Hersteller von Sanitärarmaturen. Eingriffmischer, O-Ring-Kit, Schubrosetten und dergleichen wundersame Dinge mehr. Ich nehme an, keine ernsthafte Konkurrenz zu Viega GmbH & Co KG. Aber immerhin: ein Anklang an Heimat. Heute beherbergt das Gebäude das »Kreativhaus Aqua Carré Berlin«. Es werden Bilder gemalt, Töne produziert, Spirituosen vertrieben, Feste gefeiert und dergleichen lustigen Dinge mehr. Ein guter Ort also für Bilder wie »Ubiquitäres Tralala«.


Form & Motiv
Was ist das eigentlich: die Kraus`sche Handschrift, die sich Anfang 2000 in der Berliner Wrangelstraße formte? Zunächst einmal: Helmut Kraus malt gegenständlich. Die Pinselstriche formen sich im Wesentlichen zu Objekten, die man aus der realen Realität kennt.
Man sieht unter anderem:
ZEUGS: Flaggen, Kreuze, Sanduhren, Waagen, Leitern, Zäune
Gebäude: Kirchen und Hütten
Natur: Wälder, Gebüsch, Wasser, Himmel
Tiere: Pferde und ein Hund
Menschen (meist als Masse): Kinder, Erwachsene und Greise
Dass man bekannte Objekte sieht, hat einen einfachen Grund: am Anfang der Kraus`schen Bilder stehen Bilder, genauer gesagt: Photographien.
Wenn sich Kunst - ganz allgemein gesprochen - ein Bild von der realen Realität macht, dann gilt für die Kraus`sche Kunst: sie macht sich ein Bild davon, wie sich Photographien ein Bild von der realen Realität gemacht haben.
Aber das niemals 1:1. Es geht nicht ums Abmalen. Eher im Sinne einer Zweitfassung, die dem Original durch Pinselführung, Farbgebung, Akzentuierung und Größe einen neuen Anstrich verleiht. Die Kraus`schen Bilder sind ein Ergebnis von Bildbetrachtung und Aneignung, von Beobachtung zweiter Ordnung. Und das hat den großen Vorteil, dass diese Bilder sehen, was die Photographien nicht sehen: Bedrohliches / Unheimliches / Unverständliches / die Lücke, die der Teufel lässt / den Riss, der das kulturelle Ritual ins Wanken bringt. An genau dieser Stelle schlägt dann etwas durch, was mit Gegenständlichkeit nicht mehr angemessen beschrieben werden kann. Die bekannten Objekte sind oft eingebettet in Hinter- oder Vordergründe, die zwar an Bekanntes erinnern, HIMMEL WALD RUINENLANDSCHAFT, sich aber durch Linienführung, Farbgebung und Kompaktheit verselbständigen und ein Eigenleben entwickeln. So zum Beispiel der Himmel im »Ubiquitären Tralala«, der Wald in »Ihr Kinderlein kommet« oder die Ruinenlandschaft in »6,1 KOMM«.
Am Anfang also Photographien. Und diese sind, viel stärker als das rätselhafte Set von Sanitätärarmaturen der Aqua-Butzke-Werke A.G, vorwiegend ein Anklang an Heimat. Es handelt sich zum einen um Familienfotos, die nahe und ferne Verwandte (Geschwister, Eltern, Großeltern, Onkel, Tanten) oder aber Szenerien zeigen, die an Orten stattfanden, die mit der Kraus`schen Familiengeschichte zu tun haben:
WINDHAUSEN, der höchstgelegene Ort der Stadt Attendorn (465 Meter über NN), von dem der Sauerlandkurier im November 2007 unter der Überschrift »In Windhausen ist Vieles einfach anders...« schrieb: »Intakte Dorfgemeinschaft / eigene Wasserversorgung / idyllische Lage / und Vereine, Vereine, Vereine«.
Und dann vor allem Felizienthal und Annaberg. Zwei deutsche Siedlungen des 19. Jahrhunderts in Galizien, südwestlich von Lemberg. Dörfer in einer Talmulde am Rande der Karpaten, umgeben von bewaldeten Höhenzügen, einer der Stammsitze der Kraus`schen Familie, bevölkert von Polen, Ruthenen, Russinen, Deutschen, Armeniern, Juden, Moldauern, Ungarn, Zigeunern. Ein Landstrich der religiösen Vielfalt: römisch-katholisch / ukrainisch-griechisch-katholisch, ruthenisch-griechisch-katholisch, jüdisch und so weiter.
Und zum anderen: Pressefotos aus Regionen fernab der Heimat, Malaysia oder Iran, Ausflüge in den Einzugsbereich des Islam.
Der Grundsound der Kraus`schen Bilder ist religiös, ein Remix der christlichen Kardinaltugenden GLAUBE LIEBE HOFFNUNG.
Der GLAUBE ist in fast allen Bildern präsent: Kreuze, Prozessionen, Engelsgestalten oder Wald-Gottesdienste. Die LIEBE schwingt im Glauben mit - und in der Farbgebung: fast keines der Bilder kommt ohne die Farbe GRÜN aus, im Mittelalter ein Symbol für Liebe. Und wenn das GRÜN ausnahmsweise einmal fehlt, dann wird es durch ein sattes ROT angemessen vertreten. Die Liebe wohnt in der feinsten Künstler-Ölfarbe von Schmincke. Und die HOFFNUNG, wo ist die Hoffnung? Das klassische Symbol hierfür findet man nicht: den Anker. Dafür aber: Zweige, im Gebüsch / im Wald - nicht so populär, aber auch ein Symbol für Hoffnung. Dennoch hat es den Anschein, als würden die Figuren dieser Bilder die Inschrift des Dante’schen Höllentores aus dem Dritten Gesang der Göttlichen Komödie herausbrüllen:


"Lasst, die ihr eingeht, alle Hoffnung fahren."
Aber warum dann diese erwartungsfrohen Blicke, dieses hoffnungsvolle Warten, die Prozessionen im Zeichen des Kreuzes, der Kniefall im Zeichen des Halbmondes, der engelsgleiche Ritt durch Ruinenlandschaften? Etwas Orientierung gibt hier der Titel der Kraus’schen Ausstellung: "6,1 KOMM".
Nach der US-amerikanischen Konvention für das Datumsformat ist 6,1: heute, 1. Juni. In den Kraus’schen Bildwelten aber gilt die biblische Konvention: 6,1 ist die OFFENBARUNG DES JOHANNES, der Schluss des neuen Testaments, Kapitel 6 über die ERÖFFNUNG DER SECHS ERSTEN SIEGEL, Absatz 1:
»Und ich sah, dass das Lamm der Siegel eines auftat; und ich hörte der vier Tiere eines sagen wie mit einer Donnerstimme: Komm!«
Und dann geht sie fröhlich los, die Apokalypse: es werden sieben Siegel gebrochen, apokalyptische Reiter losgelassen, Plagen entfacht, sieben Posaunen geblasen und sieben göttliche Zornesschalen ausgeschüttet - auf dass es nur so kracht! Und wofür das Ganze? Für einen NEUEN HIMMEL eine NEUE ERDE ein NEUES JERUSALEM - wenn das mal nicht gehörig Trost und Hoffnung spendet!
Der Verweis auf die Johannes-Offenbarung sortiert die Kraus’schen Bilder ein in das Prinzip Hoffnung: die Figuren warten, bis sich die Bibel endlich bis zum 6. Kapitel dieses Buches heranerzählt hat.


Mensch
Die Quersumme der Quersumme des Geburtstages von Helmut Kraus ergibt übrigens: 7.
Sie erinnern sich: 7 Siegel / Posaunen / Zornesschalen.
Die Quersumme der Quersumme seiner vormaligen Windhausener Heimatadresse ergibt
·    bei den Nord-Koordinaten: 6
·    bei den Ost-Koordinaten: 6
·    bei den Höhenangaben: 6
Das ist die Zahl »SECHSHUNDERTUNDSECHSUNDSECHZIG«, die »ZAHL DES TIERES«.
Das bedeutet nicht, dass Helmut Kraus des Teufels ist, sondern lediglich, dass er nicht nur künstlerisch eine hohe Affinität zur Apokalypse hat - auch biographisch.
Begrüßen Sie mit mir herzlich: HELMUT KRAUS!